Archiv für April 2008

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Ethische Aspekte

April 27, 2008

„Dieser rasche Fortschritt ist ermutigend, aber das Zeitalter des digitalen Gedächtnisses wird nicht ohne Probleme anbrechen. Das Aufzeichnen von Gesprächen sowie das Fotografieren von Personen unterliegt in einigen Ländern und US-Bundesstaaten zurzeit Beschränkungen.“ (Artikel „Erinnerung total“ S. 91)

Auch das Filmen oder Fotografrieren Dritter unterliegt gesetzlichen Bestimmungen und spielt auch im Projekt MyLifeBits eine entscheidende Rolle

„Viele Menschen befürchten, dass solche Aufnahmen vor Gericht gegen sie verwendet werden könnten. Zweifellos wären digitale Aufzeichnungen ein wesentlich besseres Beweismittel als die menschliche Erinnerung. Nach einem ehernen Rechtsgrundsatz darf niemand gezwungen werden, sich vor Gericht selbst zu belasten. Bereits die Erstellung eines erschöpfenden digitalen Gedächtnisses könnte eine potenzielle Selbstbelastung sein. Die neuen Technologien können jedoch die durch sie selbst heraufbeschworenen Gefahren mindern helfen. So kann man die Bilder oder Äußerungen Unbeteiligter automatisch unkenntlich machen, um nicht gegen das Gesetz zu verstoßen.“ (Artikel „Erinnerung total“ S. 91)

Link zum Grundgesetz der Schweiz, in welchen auch der Schutz der Privatsphäre verankert ist

„Ein kritischer Punkt wird der Schutz der Privatsphäre sein. Die Aussicht, dass Skandalreporter, Kriminelle oder totalitäre Regime Zugang zu solch höchst persönlichen Aufzeichnungen erlangen könnten, ist beängstigend. Ein Gauner könnte sich mit solchen Informationen mühelos für deren legitimen Besitzer ausgeben.
Das Problem ist qualitativ nicht neu – quantitativ dagegen sehr. Schon heute können die Informationen, die der Durchschnittsnutzer auf seinem PC lagert, in den falschen Händen sehr viel Schaden anrichten. Und selbst wenn unsere Computer gegen vorsätzliche Angriffe so gut gesichert werden wie ein Panzerschrank, bleibt als größte Gefahr die Ungeschicklichkeit des Benutzers. Ein falscher Tastendruck, und die ganze Welt kann beispielsweise seine Krankenakte einsehen. Hier müssen die Benutzeroberflächen besser werden als alles, was wir derzeit haben, und eine intelligente Software muss uns warnen, sobald die Preisgabe von Daten bedenklich erscheint.“ (Artikel „Erinnerung total“ S. 92)

Viele stehen diesen neuen Möglichkeiten von totaler Aufzeichnung äusserst kritisch und auch skeptisch gegenüber. Beispielsweise hatte auch Gordon Bell sich mit dieser Problematik ausseinander zu setzen, da einige Bekannte oder Freunde von ihm sich weigerten sich aufzeichnen zu lassen. Auch die Verhaltensweise kann durch eine wissentliche Aufzeichnung erheblich beinflusst, wenn nicht sogar verfälscht werden. Bereits heute ist dieses Verhalten wahrzunehmen beispielsweise bei Videoaufnahmen oder aber auch schon bei Audioaufzeichnungen. Natürlich löste jede Einführung von neuen Technologien Bedenken und Unsicherheiten aus. Meistens gewöhnte man sich aber dann nach und nach an die neue Technik und damit zu leben, was schlussendlich dazu führte, dass es alltäglich wurde. Vielleicht wird es sich mit MyLifeBits auch so verhalten, dass in 50 Jahren für jeden diese Form von digitaler Aufzeichnung des Lebens normal sein wird.

Die Angst vor dem Verlust der Privatsphäre ist in der heutigen vernetzten Gesellschaft allgegenwärtig

Quellen:
Bilder
http://www.annefrank.org/upload/Internationaal/P7_F2C_4.jpg
http://www.welt.de/multimedia/archive/00416/justizia_wal_DW_Ber_416169g.jpg
http://www.schulinformatik.ch/images/unterricht/internetnutzung/i_nprivatspaehre.jpg

Spektrum der Wissenschaft, No. Mai 2007. (May 2007), pp. 84-92.
by Gordon Bell, Jim Gemmell

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Probleme von MyLifeBits

April 21, 2008

Gordon Bells Archiv umfasst bereits 160 Gigabyte an Daten, von denen der grösste Anteil die Videodateien von rund 60 Gigabyte einnehmen. Gefolgt von über 100′000 E-Mails, 58′000 Fotos, 15′000 Word- und PDF-Dokumente und rund 100′000 Web-Seiten (Stand Juni 2007). (vgl. Artikel „Gedächtnis total“ S. 10)

Jedoch die grösste Herausforderung, vor welche MyLifeBits steht, ist nicht das Sammeln von Daten, sondern das Vernetzen, Ordnen und Wiederfinden des gesamten Archives. Bells Archiv weist die gleichen Schwachpunkte auf wie seiner Zeit in der DDR die gigantischen Aktenberge, welche von der Stasi über beinahe jeden Bürger angelegt wurden. (vgl. Artikel „Gedächtnis total“ S. 10)
„Als Bell im Jahr 2001 begann, waren die Suchmaschinen für Desktop-PCs noch sehr unhandlich. Deshalb entwarfen sie eine Datenbank, die nicht nur die Möglichkeit zur Volltextsuche innerhalb unserer PCs bietet (was inzwischen schon zur Standardausstattung gehört), sondern digitalisierte Erinnerungen auch über Zusatzinformationen auffindet, beispielsweise Datum, Ort und Gegenstand eines Fotos oder schriftliche oder gesprochene Kommentare, die der Datei beigefügt sind. Diese Metadaten sind häufig entscheidend; so findet man vielleicht eine bestimmte E-Mail nur wieder, weil man weiß, dass man sie irgendwann im Frühjahr verschickt hat.“ (Artikel „Erinnerung total“ S. 92)
Menschen organisieren Erinnerung entlang von Daten und Namen. Lifelogging versucht, vom Gehirn zu lernen. Das heisst, das Vernetzen und Ordnen der gespeicherten Daten basiert auf dem gleichen Prinzip, wie unser Gehirn Informationen speichert und wieder abruft. Erschwert wird die Suche von der Blindheit des Rechners: Computer können Bilder nicht „sehen“, wie sie Daten erkennen. Zudem sollen vorallem Sprach- und Gesichtserkennungssysteme zum Einsatz kommen um die Metadaten von Audiodateien, Bilder oder Videodateien automatisch setzen zu können, ohne dass diese noch mühsam bearbeitet werden müssen. Das System erkennt aufgrund der entsprechenden Software die Gesichter und die Stimmen und vernetzt diese Dateien dann mit bereits bestehenden Daten im Archiv. MyLifeBits arbeitet noch mit Hilfe von Dateneckpunkten, die anhand von Zeitstempel und Entstehungsort das Gewünschte identifizieren. Doch bei einer gezielten Suche hilft das nicht immer. Gemmell setzt deshalb auf intelligente Software (Künstliche Intelligenz), die den Inhalt von Dateien analysieren kann. (vgl. Artikel „Erinnerung total“ S. 92)
„Es wird auch schwierig sein sicherzustellen, dass man noch nach Jahrzenten Zugriff auf seine Aufzeichnungen hat. In der Vergangenheit sind schon mehrfach Daten unzugänglich geworden, weil deren Formate veraltet waren. Man wird immer wieder in die Verlegenheit kommen, seine Daten in die jeweils aktuellen Formate umwandeln zu lassen, oder sogar Imitationen alter Programme auf neueren Geräten laufen zu lassen (Emulation), um die Daten verfügbar zu halten. Vermutlich wird eigens dafür eine Branche entstehen.“ (Artikel „Erinnerung total“ S. 92)
Das Problem der Archivierung von digitalen Daten entstand nicht erst durch das Vorhaben von Gordon Bell und seinem digitalisierten Leben. Schon bei der herkömmlichen Archivierung ist die Problematik der Formateveraltung schon seit dem Aufkommen von digitalen Daten bekannt. Eine allgemeine Lösung existiert bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Momentan werden auf zwei Ansätze gesetzt: Zum Einen werden die Daten angepasst an die neuen Formate oder es werden zu den Daten auch die entsprechenden Hardwarekomponenten aufbewahrt um diese verfügbar zu halten. Beide Methoden sind nicht optimal, da diese zum Teil mit sehr grossem Aufwand verbunden sind und zudem auch umständlich. Gehofft wird nun auf neue Technologien, welche die Umwandlung in die neuen Formate automatisch vornimmt. Am meisten wird hier sicher auf die Künstliche Intelligenz gesetzt, die dies zukünftig ermöglichen soll. Dies wird aber sicher noch einige Jahre dauern, bis eine solche Umsetzung möglich sein wird.

Gordon Bell im Datenhaufen

Quellen:

Bild http://www.kk.org/thetechnium/gordon_bell1-tm.jpg

DIE WELT, No. 146/2007. (26 June 2007), pp. 10-10.
by Uwe Schmitt
Spektrum der Wissenschaft, No. Mai 2007. (May 2007), pp. 84-92.
by Gordon Bell, Jim Gemmell
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Hilfeleistung oder Überwachung

April 14, 2008

Vor allem im medizinischen Bereich könnte mit MyLifeBits erhebliche Fortschritte und damit verbundene neue hilfreiche Geräte oder Software hervorgebracht werden.
Eine Studie am Addenbrooke-Krankhaus hat gezeigt, dass mit der SenseCam sehr gute Resultate in dem Bereich der Gedächtnisleistung erzielt werden konnten. „Diese hat ergeben, dass ein Patient mit Gedächtnisstörung, der sich jeden Abend noch einmal die Bilder seiner SenseCam angesehen hatte, Erinnerungen über einen Zeitraum von mehr als zwei Monaten bewahren konnte. Im Gegensatz dazu verbesserte das allabendliche Durchlesen eines geschriebenen Tagebuchs die Gedächtnisleistung kaum. Der Neuropsychologe Martin Conway von der Universität Leeds prophezeit gar, dass die SenseCam „die erste wirklich wirksame Erinnerungshilfe des 21. Jahrhunderts“ werden könnte.“ (Artikel „Erinnerung total“ S. 90)
Das Krankenhaus von Addenbrooke Cambridge, England

„Zudem prognostizieren die Anhänger von MyLifeBits, dass Ärzte in Zukunft bessere Behandlungen für Herzerkrankungen, Krebs und andere Krankheiten entwickeln, indem sie permanent den Gesundheitszustand ihrer Patienten überwachen. Auch Wissenschaftler erhalten einen Einblick in die Denkprozesse ihrer Vorgänger und Historiker können mit Hilfe dieser Technologie die Vergangenheit mit nie da gewesener Genauigkeit untersuchen.“ (Artikel „Erinnerung total“ S. 92)
Aber auch bei all den euphorischen Zukunftsaussichten von den Befürwortern dürfen die eventuellen Gefahren, welche MyLifeBits mit sich bringen könnte, ausser Acht gelassen werden. Hauptsächlich die Befürchtung einer immerwährenden Überwachung lässt die Kritiker von MyLifeBits erschauern. Auch der gesellschaftliche Umgang könnte sich verändern. Denn in dem Bewusstsein, dass alles was man spricht und macht aufgezeichnet wird, ist eine Gehemmtheit in der Gesellschaft wahrscheinlich unumgänglich. Insbesondere an unangenehme Erlebnisse möchte man nicht immer wieder daran erinnert werden, sondern man ist auch froh, einige Unschöne Erinnerungen vergessen zu können oder zumindest sich nicht mehr so genau daran erinnern zu müssen. Bei der uneingeschränkten Aufzeichnung wäre dies jedoch hinfällig, da solche Situationen für immer im digitalen Archiv abgespeichert blieben.

Quellen:

Bild http://www.cambridge2000.com/cambridge2000/images/0008/P8112044.jpg

Spektrum der Wissenschaft, No. Mai 2007. (May 2007), pp. 84-92.
by Gordon Bell, Jim Gemmell
(September 2006), pp. 1-26.
by Louise Amoore, Kirstie Ball, Steve Graham, Nicola Green, David Lyon, Murakami, Clive Norris, Jason Pridmore, Charles Raab, Rudinow
edited by Murakami, Kirstie Ball

 

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Mögliche gesellschaftliche Auswirkungen

April 7, 2008

Was könnten die Folgen einer solchen technischen Errungenschaft für die Gesellschaft bedeuten? Im schlimmsten Fall könnte sich unsere Gesellschaft mehr und mehr hin zu einem Überwachungsstaat entwickeln oder die neuen technischen Gadgets werden doch eher als unterstützendes Hilfsmittel angesehen.

[...]„Bereits heute sind persönliche elektronische Tagebücher in Mode gekommen. Diese lösen mehr und mehr persönliche Hompages ab. Speziell junge Leute machen regen Gebrauch von Blogs und mobilen Aufzeichnungsgeräten. Da sich das digitale Aufzeichnen trotz der gegenwärtigen, noch bescheidenen Möglichkeiten derartiger Beliebtheit erfreut, erfüllt es offensichtlich ein weit verbreitetes Bedürfnis; es wird sicherlich noch weiter zunehmen, sowie Technik noch einfacher, umfasssender und preiswerter wird.“[...] (vgl. Artikel “Erinnerung total“ S. 88)

Klar scheinen auch nicht die Bewüggründe eines Menschen zu sein, der sein Leben digitalisiert und sich so die digitale „Unsterblichkeit“ sichert. Manche sehen dies als mehr als eine Gedächtnisstütze an und andere geniessen die ununterbrochene Aufmerksamkeit, die ihnen das System zu Teil werden lässt.

Auch wenn die Motive sehr unterschiedlich sein können, so ist die Idee einer Hinterlassenschaft für die Nachwelt jedoch nicht erst mit dem Computerzeitalter entstanden. Schon früher war die Menschheit von dem Gedanken fasziniert von der Erlangung der Unsterblichkeit wie beispielsweise die alten Ägypter, welche ihre Energie und Kraft dazu verwendeten, den Pharaonen ein Denkmal zu setzen und diese für das ewige Leben zu konservieren.

Totengott Anubis legt bei der Mumifizierung persönlich Hand an (Ägypten, 13. Jahrhundert v. Chr.)

Schlussendlich wird es aber keine allgemeingültige Lösung geben. Jeder Mensch muss für sich selbst entscheiden können, wieweit seine digitale Unsterblichkeit gehen soll.

 

Quellen:

Bild http://www.scienzz.de/magazin/upload/kultur2007/Mumie-PaserGrab.jpg

Spektrum der Wissenschaft, No. Mai 2007. (May 2007), pp. 84-92.
by Gordon Bell, Jim Gemmell